Des Glückes Schmied, Kapitel 3

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Heute mit kleiner Verspätung (musste noch ein wenig korrigieren) Kapitel 3 von Des Glückes Schmied. Ich hoffe, es gefällt weiterhin 🙂

Viel Spaß beim Lesen.

 

Mach mich glücklich!

»Wisch dir die Tränen ab. Na los!«, flüsterte Ezri und begann Sinthias Wangen zu trocknen. Sinthia ließ es geschehen. Es war sowieso alles verloren. Ihre Augen waren gerötet. Frau Valkyrie würde sehen, dass sie geweint hatte. Sie würde es nicht akzeptieren. Sie würde wissen, dass sie spenden gewesen war.
Sinthia begann unkontrolliert zu zittern und Ezri fluchte leise.
»Sinthia!« Frau Valkyrie klang nun ärgerlich.
Ezri schob Sinthia auf die Tür zu. »Vergiss nicht, zu lächeln! Du schaffst das.« Sie öffnete die Tür und stieß Sinthia hinaus. Sinthia unternahm einen kläglichen Versuch zu lächeln. Vor ihr stand Frau Valkyrie. Eine große Sonnenbrille im Gesicht, zwischen ihren Fingern hing eine lange Zigarette.
»Da bist du ja. Warum hat das so lange …«, sie verzog das Gesicht, als sie Sinthia von oben nach unten betrachtete, »Hast du etwa geweint? Das ist widerlich.«
Sinthia neigte den Kopf und hielt ihr verkrampftes Lächeln. »Nein, Frau Valkyrie«, sagte sie leise, »Meine Augen sind nur etwas gereizt von den Abgasen.«
»Wie auch immer. Es sieht arm aus. Mach, dass«, sie wedelte mit der Hand, »du demnächst nicht ganz so kläglich aussiehst. Fürs Erste, kümmer dich um meinen Mantel.« Sie ließ den voluminösen Fellmantel von ihren dürren Schultern gleiten und Sinthia nahm ihn pflichtbewusst entgegen. Unter dem Mantel trug Frau Valkyrie ein paillettenbesetztes Kleid. Ihre Beckenknochen stachen scharf unter dem Stoff hervor.
Sinthia drehte sich um, aber Frau Valkyrie hielt sie auf. »Und bring mir ein Glas Glück.«
Sinthia nickte schnell. »Natürlich, Frau Valkyrie«, sagte sie und verschwand hastig in der Garderobe.
Ezri nahm ihr den Mantel ab. »Gut«, sagte sie aufmunternd, »Ich glaube, sie hat es dir abgekauft. Mach weiter so! Ich kümmer mich um den Mantel, hol du ihr Glück.«
Sinthia nickte benommen und lief zu dem Vorratsschrank. Darin befanden sich eine Reihe gekühlter Flaschen aus dunkelblauem Glas. Sie besaßen kein Etikett. Das brauchten sie nicht. Die Menschen, die sich diesen Luxus leisten konnten, bekamen sie nie zu Gesicht und es wusste sowieso jeder, was sich darin befand.
Mit routinierten Bewegungen holte Sinthia ein Sektglas aus einem weiteren Schrank und öffnete die Flasche. Es zischte leise und sie konnte die Flüssigkeit darin prickeln hören. Sie goss die klare Flüssigkeit in das delikate Glas und stellte dann beides zusammen auf ein Tablett.
Ezri hielt ihr die Tür auf und Sinthia lief eilig in die Lounge. Frau Valkyrie hatte ihre High Heels von den Füßen gestreift und lag ausgestreckt auf dem mit Gold bestickten Sofa. Ihre Sonnenbrille lag auf einem Glastisch neben ihr. Sie hatte die Augen geschlossen, aber sie richtete sich auf, sobald sie Sinthias Schritte hörte.
»Endlich!«, seufzte sie und griff nach dem Sektglas. Sie legte den Kopf in den Nacken und leerte das Sektglas mit einem Schluck. Sie hielt Sinthia das Glas unter die Nase. »Mehr«, befahl sie und rieb sich die Augen. Auch das nächste Glas leerte sie mit einem Schluck.
Sinthia blieb still neben ihr stehen und versuchte zu lächeln.
Frau Valkyrie schüttelte den Kopf. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend der Tag heute war, Sinthia. Den ganzen Tag musste ich mich mit den Versagern der Reset-Camps herumschlagen und keiner von ihnen war vermögend. Alle haben traurig aus der Wäsche geschaut. Kannst du dir das vorstellen?«
Sie erwartete keine Antwort.
»Und dann komme ich zurück und was muss ich sehen? Meine eigene Angestellte ist im Gesicht vollkommen verlottert. Ich erkenne doch einen Spender, wenn ich ihn sehe, meine Liebe.«
Sie wandte in einer marionettenhaften Bewegung den Kopf. Ihre Pupillen waren zwei riesige Monde in ihren Augen.
Sinthia schluckte. Das Getränk entfaltete seine Wirkung. Frau Valkyrie lachte auf und es klang fast freudig. »Du kannst von Glück reden, dass ich heute in Gönnerlaune bin.« Sie hielt Sinthia ihr leeres Glas hin und das Mädchen schüttete nach. »Dein Gehalt für heute bekommst du noch. Du bist entlassen.«
Sinthia erstarrte und das Glas lief über. »Nun pass doch auf, du dummes Ding!«, fauchte Frau Valkyrie, aber in ihrem Gesicht war ein Lächeln gebrannt.
»Bitte nicht«, Sinthia spürte erneut Tränen in ihren Augen aufsteigen, »Das könnt ihr nicht machen!«
»Ich kann und ich werde. Schick Ezri heraus. Sie wird für heute deinen Job übernehmen.«
»Bitte, ich brauche das Geld! Mein Vater …«
»Geh! Oder ich überlege mir das mit dem heutigen Gehalt noch einmal.«
Man hätte die folgende Stille mit einem Messer schneiden können. Sinthia senkte den Kopf. »Natürlich, Frau Valkyrie. Ich hole Ezri.« Wie betäubt stolperte sie zurück. Sie spürte die Tränen auf ihren Wangen erneut fließen, aber sie spürte sie nicht. Hatte sie alle ihre Emotionen aufgebraucht?
»Ezri«, sagte Sinthia matt, »Kümmer dich um Frau Valkyrie.«
»Ist alles in Ordnung?« Ezri ergriff ihre Schultern.
Sinthia schüttelte den Kopf und zog ihren Mantel vom Haken. »Nein.«
»Was ist passiert? Hat Frau …«
»Ezri!« Frau Valkyries Stimme drang wie Säure durch die Wände. Sogar, ohne sie zu sehen, konnte man ihr falsches Lächeln hören.
Sinthia schob Ezri Richtung Lounge. »Ist okay«, sagte sie leise und Tränen benetzten ihre Lippen.
»Ezri, bring mir Glück!«, verlangte Frau Valkyrie ungeduldig.
Ezri warf Sinthia einen letzten besorgten Blick zu. »Ich schaue heute Abend bei dir vorbei, okay?«, flüsterte sie und Sinthia nickte stumm. Ezri begann breit zu lächeln und in ihren Wangen bildeten sich tiefe Grübchen.
»Bin schon auf dem Weg, Frau Valkyrie«, rief sie und verschwand.
Sinthia nahm den Aufzug. Ein Knopfdruck. Die Türen schlossen sich mit einem Summen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie die Flasche mit flüssigem Glück immer noch in den Händen hielt.
Einen Moment starrte sie die das dunkelblaue Glas fassungslos an. Dann nahm sie einen tiefen Schluck und spürte die kalte Flüssigkeit ihre Kehle hinunterrinnen.

 


Was wird das flüssige Glück tun? Was meint ihr?

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4 Gedanken zu „Des Glückes Schmied, Kapitel 3

  1. Oh man, sie hat es doch gemerkt ><
    Ich hätte gedacht, dass sie irgendwie gnädiger sein wird, wenn sie ein paar Gläser Glück intus hat. Aber offensichtlich macht das Glück nicht automatisch freundlich.
    Ich hoffe, dass das Glück ihr irgendwie hilft, einen neuen Job zu finden. 🙁

    Liebe Grüße,
    Levi

    1. Nur weil man glücklich ist, muss man nicht nett sein 😉
      Wir werden sehen, was noch so passiert … denn immerhin ist flüssiges Glück verdammt teuer und Sinthia hat es gerade (wenn auch unabsichtlich) gestohlen.

      1. Bei der Menge an Flaschen merkt die Dame vielleicht nicht, dass eine fehlt. Und wenn sie das Zeug wie Wasser trinkt, kann sie sich offenbar genug leisten. Aber irgendwie habe ich das ungute Gefühl, dass du Sinthia nicht so einfach damit durchkommen lässt. xD

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