Vier Märchen für den Advent – Der begrabene Berg

Mein letztes Märchen (Die Hexe und das Mädchen) ist überraschend gut angekommen. Und ich wurde von Venja und Levi gefragt, ob ich nicht ein Märchen für jeden Advent schreiben könnte. Meine Antwort war: Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert 🙂

Ich hoffe, dass euch mein erstes Adventsmärchen gefällt.

 

Der begrabene Berg

Es war einmal (vor sehr langer Zeit) ein Königreich. Dort herrrschte ein guter König und sein Volk lebte in Wohlstand und Frieden. Der Prinz jedoch ward des Friedens überdrüssig und sehnte sich nach einem Abenteuer. Der gute König, der die Unzufriedenheit seines Sohnes bemerkte, ließ ihn zu sich rufen.
„Mein Sohn“, sagte er, „In den vergangenen Tagen und Monaten ist mir immer wieder zu Ohren gekommen, dass du dich nach einem Abenteuer sehnst. Ich werde dich zu meinem Nachfolger ernennen, denn zu herrschen ist das größte Abenteuer.“
Der Prinz, dem so gar nicht nach Herrschen war, rief erschrocken: „Oh nein, Vater! Mir fehlt es an Erfahrung. Ich möchte unser Königreich bereisen und mein Volk kennen lernen. Danach soll ich zurückkehren und mit dir an meiner Seite herrschen.“
Der König dachte lange über seines Sohnes Vorschlag nach und sagte schließlich: „So sei es. Ich gebe dir ein Jahr, in dem du dein Königreich erkunden sollst. Danach kehre zurück und nimm meinen Platz.“
Frohen Mutes verließ der Prinz sein Schloss. Am Wegesrand entdeckte er eine Kutsche mit gebrochenem Rad. „Oh guter Mann!“, rief ein altes Mütterchen, das neben der Kutsche stand, „Bitte komme uns zur Hilfe. Wir brauchen ein Paar starke Arme, um das Rad zu flicken.“
Der Prinz ließ sich nicht zweimal bitten. Es dauerte nicht lange und die Kutsche war repariert. Das alte Mütterchen umschloss seine Hände. „Ich danke dir von ganzem Herzen. Hier, nimm dies als Zeichen meiner Dankbarkeit.“ Sie reichte ihm einen Stock, der an einem Ende gegabelt war. „Dies ist eine magische Wünschelrute. Sag nur die Worte Was ich im Leben mir begehr, bring mich hin, es freut‘ mich sehr und sie wird dich an einen Ort bringen, der dir alle deine Wünsche erfüllen wird.“
Der Prinz bedankte sich herzlich und wanderte weiter die Straße hinunter. Er glaube nicht an Magie, doch es schien ihm unhöflich, ein Geschenk einer alten Frau auszuschlagen.
„Ach!“, sagte er, „Was soll es schaden? Dann sage ich eben die magischen Worte. Was ich im Leben mir begehr, bring mich hin, es freut‘  mich sehr.“ Auf einmal begann die Wünschelrute zu schweben. Der Prinz erschrak sehr, hatte er doch nicht erwartet, dass irgendetwas passierte. Sie drehte sich langsam um die eigene Achse und wies ihn schließlich nach Westen. Der Prinz folgte den Anweisungen der Wünschelrute. Er wanderte Tage und Wochen und die Wünschelrute zeigte ihm stets einen sicheren Weg.
Als der Prinz in einem weiten Feld ankam, geschah etwas Seltsames. Die Wünschelrute wies auf den Boden. Der Prinz sah sich um. Weit und breit war niemand zu sehen, es gab weder Häuser noch Menschen, weder Tiere noch Vögel, die ihm einen Anhaltspunkt hätten geben können. Doch bisher hatte die Wünschelrute dem Prinzen immer einen sicheren Weg gewiesen und er begann zu graben. Am ersten Tag grub er ein Loch, das so groß war wie ein Haus, aber die Wünschelrute war nicht zufrieden. Sie zeigte weiter nach unten. Nach der ersten Woche türmten sich die Erdwälle neben seiner Grube schon so hoch wie eine Stadtmauer. Nach dem ersten Monat begann der Schnee zu fallen und der Prinz baute sich aus der gegrabenen Erde ein Dach. Höher und höher türmte er die Erde und bald traf er auf festen Stein. Er zerbrach den Stein und schichtete ihn außen auf. Dort, wo vor Monaten noch ein ein flaches Feld gewesen war, erhob sich nun ein Hügel und bald ein Berg. Und dennoch wies ihn die Wünschelrute weiter in die Tiefe.
Der Prinz grub weiter in die Tiefe, fand Erze und Edelsteine, doch sie waren für ihn nicht von Belang. Er schüttete sie achtlos auf und bald glitzerte der Berg im Licht der Sonne wie pures Gold. Nach Jahren und Jahren erreichte er schließlich sein Ziel.
Vor ihm lag eine prächtige Krone, die aus dem Berg selbst zu bestehen schien. Der Prinz wollte nach ihr greifen, da erklang eine Stimme: „Nur der, der seine Lektion gelernt hat, soll diese Krone tragen können. Sag mir Prinz: Was hast du gelernt?“
Der Prinz hielt inne und dachte nach. „Ich habe gelernt, dass das Leben selbst das größte Abenteuer ist. Ich habe gelernt, dass der Weg zu Macht lang und schwierig ist. Ich habe gelernt, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur täglich daran arbeite. Ich habe gelernt, dass auch Gold und Edelsteine mich nicht von meinem Weg abbringen können. Und ich habe gelernt, geduldig zu sein. Ich bin bereit zu herrschen.“
„So nimm diese Krone und herrsche über den Berg“, sagte die Stimme.
Der Prinz nahm die Krone und setzte sie auf sein Haupt. Er begann den schweren Aufstieg aus den Tiefen der Erde und obwohl er diesen Weg schon abertausende Male gegangen war, war er auf einmal mühselig. Die Macht der Krone lastete schwer auf seinem Haupt. Der Aufstieg lehrte den Prinzen, wie schwer er sein sollte zu herrschen.
Als er in das Licht der Sonne trat, konnte er seinen Augen nicht trauen. Sein Volk hatte sich vor dem Berg versammelt und kniete nieder, da er aus dem Gipfel hervortrat. Da war auch sein Vater, der sich tief vor ihm verneigte. „Mein Sohn!“, sagte er, „Ich bin stolz auf dich. Du hast die Krone des Berges gefunden. Du bist nun wahrlich bereit, meinen Platz einzunehmen.“
Der neue König ließ den Berg zu seinem Wohnsitz ausbauen. Der Berg war das Zeichen seiner Macht und seines Wohlstandes und solange der Berg stand herrschte Frieden. Und so lebten sie glücklich bis an das Ende ihrer Tage.

 


Ich hoffe, euch hat dieses Märchen gefallen 🙂

Adventsmärchen #2 »

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5 Gedanken zu „Vier Märchen für den Advent – Der begrabene Berg

  1. So, endlich komme ich auch mal zum Kommentieren. ^^ Mir hat das Märchen sehr gut gefallen, gerade die Botschaft dahinter finde ich wirklich schön. Wenn man ausdauernd ist und nicht aufgibt, dann kann man alles erreichen. Das sollten wir uns wahrscheinlich alle mal öfter sagen, wenn wir kurz davor sind, aufzugeben. 🙂

    Liebe Grüße,
    Levi

    1. Das ist eine Lektion die immer leicht zu sagen, aber dafür umso schwerer umzusetzen ist. Ich muss da auch noch dran arbeiten, dass ich verinnerliche nie aufzugeben 🙂

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