Des Glückes Schmied, Kapitel 2

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Im letzten Kapitel ist Sinthia Glück spenden gewesen und jetzt wird sie die Auswirkungen davon spüren.

Viel Spaß beim Lesen. 🙂

 

Das große Los

Sinthia erhob sich aus dem Stuhl. Ihr war schwindelig. Sie fühlte sich elend. Und sie hatte noch den ganzen Tag vor sich. Mit einem missmutigen Seufzen stieß sie die Tür von Box 2 auf. Das helle Tageslicht blendete sie und sie kniff die Augen zusammen. Ihr bot sich dasselbe trostlose, sterile Bild. Kalte Fliesen und grüne Plastikpflanzen. Sie eilte durch das Foyer auf die Frau am Computer zu.
Mit einem toten Lächeln wand sich die Frau ihr zu, dann warf sie einen prüfenden Blick auf ihren Computer. »0,13 Zentiliter. Das macht 1,95 Credits.«
Sinthia nickte apathisch und streckte ihre Hand aus. Die Frau fuhr mit einem Scanner über ihr Handgelenk.
Piep!
Die Frau wandte sich wieder ihrem Computer zu. »Die Credits wurden Ihnen soeben gut geschrieben.« Sie zog Sinthias Spendeausweis hervor, er trug einen weiteren kleinen Stempel. »Hier ist Ihr Spendeausweis.« Mit der anderen Hand kramte sie in einer Schublade neben sich. »Und hier ist Ihr Ticket für die Lotterie. Denken Sie daran, es wird jeden Abend um Punkt 19 Uhr ausgelost. Verpassen Sie es nicht.«
Sinthia nahm die beiden Papiere stumm entgegen und verstaute sie achtlos in ihrer Tasche. Die Frau lächelte sie breit an. »Viel Glück! Und …«, sie deutete mit einer wirschen Handbewegung auf Sinthias Gesicht, »schauen sie nicht so … arm.«
Sinthia zog sich ihre Maske wieder bis über ihre Nase. Der aufgestickte Mund würde das Lächeln für sie erledigen.
Sie trat nach draußen und ging bis zur nächsten Bushaltestelle. Ihr kamen andere Menschen entgegen. Alle trugen Masken mit aufgestickten lachenden Mündern darauf, aber ihre Augen verrieten die Wahrheit.
Der Bus kam und Sinthia zwängte sich hinein. Ein, zwei, drei Haltestellen. Leute stiegen ein und aus. Sie schaute ihnen unbeteiligt hinterher. Das war eine der Nebenwirkungen der Spende. Vollkommene Gleichgültigkeit. Sinthia hätte in diesem Moment ihr Leben gegeben, um etwas anderes zu fühlen. Aber sie wusste, dass die Apathie noch der beste Ausgang einer Spende waren. Sie konnte nur hoffen, dass sie keine Panikattacke bekam, oder wütend wurde. Oder traurig. Spender konnten die Kontrolle verlieren und wer konnte schon sagen, was dann geschah. Aber früher oder später würde es passieren und ein kleiner Teil von Sinthia hoffte es sogar. Es wäre besser als die Leere, die sie in ihrer Brust spürte.
Das menschliche Gehirn verkraftete es nicht gut, aller positiven Gefühle beraubt zu werden. Es war nicht natürlich.
Der Bus hielt erneut und am Rande ihrer Wahrnehmung merkte sie, wie sie ausstieg. Mit knatterndem Motor fuhr der Bus davon und ließ Sinthia in einer dunklen Wolke stinkenden Abgases stehen. Menschen hasteten an ihr vorbei und rempelten gegen sie. Die lachenden Münder auf ihren Masken grinsten sie von allen Seiten an.
Sinthia hasste sie. Es war eine Farce.
Sie spürte, wie ihr der Ärger den Kehle zuschnürte. Ihre Oberlippe zuckte, als Sinthia in einem Urinstinkt ihre Zähne bleckte.
»Heute im Jackpot«, tönte eine synthetische Stimme über das Getümmel der Straße, »Ein Ticket zum Reset-Camp. Werden Sie alle Ihre Sorgen und negativen Gedanken los. Die Glückritter AG sorgt dafür.« Die Durchsage wurde mit einer kleinen fröhlichen Jingle beendet, dann kehrte das Hupen und die knurrenden Motoren der Autos zurück.
Sinthia setzte sich in Bewegung. Sie machte sich nicht die Mühe den anderen Menschen auf der Straße auszuweichen. Sollten diese Bürohocker aus den oberen Leveln doch ruhig ein bisschen Realität zu spüren bekommen.
Der Weg zu ihrer Arbeit war nicht weit, trotzdem war mittlerweile die Sonne aufgegangen. Sie tauchte die Metropole in ein graues Dämmerlicht, das durch die Schwaden der Abgase schien. Es war fast, als würde die Sonne, die Farbe aus der Stadt nehmen. Nachts leuchteten immerhin die grellen Neonreklamen.
Sinthia betrat eines der hohen verglasten Hochhäuser und nahm einen Fahrstuhl nach oben. Eine leise Melodie spielte, während der Fahrstuhl kaum merklich auf seine Höchstgeschwindigkeit beschleunigte und sie weiter nach oben brachte. Eine kleine rote Anzeige sagte ihr, auf dem wievielten Stockwerk sie sich befand.
Mit einem glücklichen Ping! kam der Fahrstuhl auf der 207ten Etage zum Stehen und die Türen glitten auf. Ein prunkvolles Wohnzimmer. Spiegel hingen an den Wänden, sie waren in Gold eingerahmt und sie zweifelte nicht für einen Moment, dass es echt war. Der Boden war aus Marmor, ein riesiger Kronleuchter hing von der Decke. Das Edelste musste allerdings die Aussicht sein. Ein riesiges, blank geputztes Fenster erstreckte sich vom Boden bis zur Decke.
Sinthia trat einen Schritt näher. An jedem anderen Tag hätte sie der Anblick mit Aufregung erfüllt. Heute jedoch nicht.
Unter ihr lag die Metropole. Riesige verglaste Wolkenkratzer ragten aus der grauen Abgaswolke, die den Boden bedeckte. Man konnte fast glauben, dass die Stadt in den Himmel gebaut worden war. So weit oben war die Luft klar und das helle Licht der Sonne spiegelte sich in den Wolkenkratzern.
Es war nicht fair. Sie und ihr Vater und all die anderen Menschen von den niedrigeren Leveln mussten unten im Dreck leben, während die wenigen Auserwählten oben dem Luxus frönten.
Sie stapfte durch das Wohnzimmer zu dem Zimmer der Angestellten. Ungeduldig riss sie sich den Mantel von den Schultern und pfefferte ihre Schuhe in eine Ecke.
»Schlecht gelaunt?«, fragte Ezri mit hochgezogener Augenbraue. Sie hatte vor schon bei der Familie Valkyrie gearbeitet, bevor Sinthia dazugekommen war. Sie war ein unscheinbares Ding, das stets dunkle Kleider trug.
»Halt’s Maul«, knurrte Sinthia und zog sich die Maske vom Gesicht. Ezris Augen weiteten sich vor Schreck.
»Du hast doch heute nicht gespendet?!«
»Und wenn schon.« Sinthia hatte keine Lust auf eine Moralpredigt. Grob zerrte sie eine weiße Schürze vom Haken. Der Stoff riss. »Scheiße!«
Ezri packte sie an der Schulter und zog sie zur Seite. »Was hast du dir dabei gedacht? Wenn sie das herausbekommen, dann feuern sie dich!«
»Und das geht dich nichts an!«, fauchte Sinthia zurück.
Ezri schüttelte den Kopf. »Das bist nicht du selbst, das weiß ich. Sinthia. Reiß dich zusammen. Für deinen Vater.«
»Ach, der kann mich mal!« Sinthia riss sich los und griff nach einer neuen Schürze. Ezri verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Der Schmerz blitzte durch Sinthias Kopf und sie keuchte auf. Erschrocken hielt sie sich die Wange. Scham flutete durch ihre Gedanken und sie schlug sich die Hände vor den Mund.
Ezri sah ihr tief in die Augen. »Kriegst du dich jetzt wieder ein?«
Sinthia nickte. Wie hatte sie es so weit kommen lassen können? So war sie doch nicht. Ihre Freundin nahm die Schürze vom Haken und half Sinthia hinein. Wie betäubt wagte sie noch nicht einmal, sich zu wehren.
»So«, sagte Ezri bestimmt, »Und du wirst jetzt lächeln. Den ganzen Tag. Und du wirst dir nicht anmerken lassen, dass du spenden warst, okay?«
Sinthia nickte apathisch. Sie spürte, wie Tränen über ihr Gesicht rannen.
»Keine Tränen!«, befahl Ezri mit fester Stimme.
»Okay«, schluchzte Sinthia verzweifelt. Sie würde alles ruinieren. Warum war sie nur Spenden gegangen? Alles war schrecklich. Das Leben war nichts als eine grausame Reihe von Ereignissen, die …
Ezri tätschelte ihre Schulter und riss sie aus ihren Gedanken. »Jetzt beruhig dich doch.« Aber Sinthia konnte nicht mehr. Sie sank auf den Boden und schlang ihre Arme um ihre Knie. Leise jammernd wiegte sie sich hin und her.
»Sinthia?« Die Stimme von Frau Valkyrie schallte durch die Wohnung.
Sinthia stand nicht auf. Die Trauer lastete wie ein tonnenschweres Gewicht auf ihren Schultern. »Steh auf!«, hauchte Ezri und zog sie auf die Füße.

 


Was glaubt ihr, was als nächstes passiert? Kommt Sinthia durch?

Kapitel #3 »

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6 Gedanken zu „Des Glückes Schmied, Kapitel 2

  1. Ja sie muss durchkommen. Das wird knapp werden aber Ezri wird sie irgendwie decken und vielleicht sagen, dass sie noch nicht da ist oder so?!
    Das ist unfair, dass ich jetzt eine Woche auf die Fortsetzung warten muss! 😉

  2. Ah, okay, jetzt wird mir auch klar, wie sie das mit dem Job in den höheren Leveln meinte. Sie hat nicht direkt einen hochrangingen Job, sondern arbeitet für reiche Leute. Sogesehen hat sie ihren Vater auch nicht direkt angelogen.
    Mir ist noch nicht ganz klar, wie die Währungsgröße in dieser Welt aussieht, weil für mich 1,95 Credits nach relativ wenig klingen. Was wäre denn der Credit Euro Wechselkurs? 😀
    Ich drücke Sinthia die Daumen, dass sie es packt. Wenn man ohnehin schon nur negative Gefühle in sich trägt, ist es doch echt gefährlich, wenn sie jetzt auch noch Ärger bekommen würde.

    Liebe grüße,
    Levi

    1. Wie der genaue Wechselkurs ist, bin ich mir auch nicht ganz sicher. 😀 Aber so von der Größenordnung in etwa 1 Credit sind etwa 100 Euro (+/- 20 Euro würde ich sagen. Also 1,95 Credits sind schon ein ganz schöner Haufen. Nur leider ist es in deren Gesellschaft nicht allzu viel wert, das wirst du dann an dem Preis des Medikamentes sehen (nächstes oder übernächstes Kapitel). 😉

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