Des Glückes Schmied, Kapitel 1

Eine neue Kurzgeschichte!! Es ist ein wenig SciFi, ein wenig Dystopie und vielleicht irgendwann auch ein wenig romantisch. Ich habe diese Geschichte geschrieben, weil ich mich ein wenig im World-Building üben wollte, deswegen beginnt die Geschichte auch etwas langsam, aber ich hoffe, dass ich euer Interesse trotzdem wecken kann 🙂
Wie immer: Ich freue mich über Feedback jeglicher Art!

Viel Spaß beim Lesen.

 

Die Glücksritter AG

Das grelle Neonlicht einer Werbeanzeige flackerte durch ihr Fenster. Sinthia stützte ihre Ellenbogen auf den Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. Es war noch früh. Das penetrante Summen der Neonröhren dröhnte laut in ihren Ohren. Sie hatte schon so lange stumm aus dem Fenster gestarrt, dass sich die Neonbuchstaben in ihre Netzhaut gebrannt hatten.

Die Lotterie – Deine Chance auf ewiges Glück
Nur eine Spende für ein Ticket und die Zukunft ist in deinen Händen.

Seufzend schob sie die Schüssel mit den kalten Nudeln von sich weg und schloss die Augen. Es gab keine andere Möglichkeit und das wusste sie. Trotzdem hoffte der kindliche Teil in ihr, dass sie es vielleicht vermeiden konnte, wenn sie es nur lange genug aufschob.
Ein lautes Husten aus dem Nebenzimmer schreckte sie aus ihren Gedanken. Schnell wischte sie sich die Hände an der Hose ab und lief durch die Küche zu dem anderen Zimmer. Vorsichtig öffnete sie die Tür und schob ihren Kopf hinein.
Die Luft war stickig und es war warm, aber ihr Vater mochte es so. Was Sinthia viel mehr zu schaffen machte, war der Geruch der Krankheit, der sich in den Wänden festgesetzt hatte. Er klebte an den Bettlaken und an ihrer Haut, dass sie sich fast nicht traute, das Zimmer zu betreten.
»Ist alles in Ordnung, Paps?«, fragte sie sanft in die Stille des Zimmers.
Ihr Vater saß aufrecht im Bett. Seine Augen waren glasig und er schaute abwesend zu ihr hinüber. Ein neues röchelndes Husten. »Alles bestens, Liebes. Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt?«
Sinthia schüttelte den Kopf. Sie konnte den Anblick ihres Vaters kaum ertragen. Noch vor wenigen Monaten war er ein starker Mann gewesen, heute glich er einem Geist. Die Wangen eingefallen, die Haut kränklich blass, die Stimme schwach. Er hatte so viel abgenommen, dass er kaum noch die großen Kissen eindrückte, die Sinthia für ihn gekauft hatte. Und dann war da dieser schreckliche Husten, der immer lauter durch die dünnen Wände klang.
»Hast du nicht, keine Sorge. Ich war schon wach.«
Ihr Vater lächelte entkräftet.
Für einen Moment war die Stille wieder da und das laute Summen der Neonröhren hallte in ihre Wohnung.
»Ich …«, begann Sinthia schnell, »Ich hole dir heute neue Medizin.«
Sie konnte den Schweißfilm auf der Haut ihres Vaters sehen. Er hatte eine neue Dosis dringend nötig.
»Haben wir denn …?«, fragte er, aber Sinthia unterbrach ihn schnell. »Natürlich. Ich habe doch einen Job in einem der höheren Level. Das wirft genug Geld für uns beide ab. Und wir haben noch etwas extra für deine Medizin.«
Ihr Vater runzelte für einige Sekunden die Stirn, dann erhellte sich seine Miene. Seine Pergamenthaut spannte sich eng um seinen Schädel. »Ja, ich erinnere mich und du hast es gut da?«
Sinthia nickte. »Ich muss jetzt los, Paps. Wenn irgendetwas ist, dann kannst du Frau Telsia von nebenan fragen. Sie hat gesagt, dass sie sich im Notfall um dich kümmern kann.«
Sie las Sorge auf seinem Gesicht. »Wo gehst du denn hin?«, fragte er.
Sinthia schloss für einen kurzen Moment die Augen und öffnete sie wieder mit einem erzwungenen Lächeln. »Auf die Arbeit. Ich bin erst spät wieder zurück, ja? Aber dann bekommst du deine Medizin.«
Ihr Vater wurde von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt. Erschöpft lehnte er sich in seine Kissen zurück. Er schien, Sinthias Anwesenheit vergessen zu haben. Mit einem leisen Klicken schloss sie die Tür hinter sich und huschte durch die Wohnung. Sie stopfte ihren Spendeausweis in ihre Handtasche und schnappte sich ihren abgegriffenen Mantel.
»Sinthia?«, erklang die brüchige Stimme ihres Vaters aus seinem Zimmer, »Bist du das?«
Mit einem gequälten Blick zurück schlüpfte sie aus der Haustür hinaus. Sie antwortete ihm nicht. Er würde sich sowieso nicht erinnern.
Glückliche Gedanken, ermahnte sie sich. Denn glückliche Gedanken brachten größere Spenden und größere Spenden brachten mehr Geld. Und mehr Geld bedeutete mehr Medizin. Und mehr Medizin machte ihren Vater vielleicht wieder gesund.
Sie hastete durch den trostlosen Flur an hundert gleich aussehenden Türen vorbei. Die Wände waren in einem zarten limettengrün gestrichen gewesen, doch von der Farbe war kaum noch etwas übrig. Wenn sie nicht abgeblättert war, war sie mit schmierigem Graffiti bedeckt.
Sinthia drückte die Tür nach draußen auf und die kalte Luft des Morgens schlug ihr ins Gesicht. Sie war nicht erfrischend. Die Abgase standen in der Stadt und am Boden war die Luft immer am schlimmsten. Mit einer routinierten Bewegung zog sie sich eine dünne Stoffmaske über Mund und Nase. Sie hatte ein Lächeln darauf gestickt.
Die Hände tief in die Taschen ihres Mantels vergraben, lief sie über den Asphalt auf das Gebäude gegenüber zu. Eine leere Plastiktüte wehte über den Bordstein. Gelbliches Gras wuchs in den Rillen der Pflastersteine.
Noch während sie sich der glänzenden Tür aus Metall näherte, zog sie ihren Spendeausweis wieder hervor. Sie hielt ihn vor einen kleinen Bildschirm neben der Tür und sie wurde mit einem Summen eingelassen. Klare saubere Luft schlug ihr entgegen und sie zog hastig die Tür hinter sich zu. Sie trat in ein großes, helles Foyer. Es war von einer Kuppel aus Glas bedeckt, hinter dem hochauflösende Bildschirme die Illusion eines freien Himmels versprachen.
Mit einem Zögern näherte sie sich dem Schreibtisch, hinter dem eine dünne Frau mit dicker Brille saß. Ihr Gesicht schmückte ein breites, totes Lächeln. Ihre spinnenartigen Finger klackerten rastlos über die Tastatur ihres Computers. Es war das einzige Geräusch in der großen Halle, doch es füllte sie restlos aus.
Sinthia legte ihren Spendeausweis auf den Tisch und zog ihre Maske herunter. »Ich bin hier, um zu spenden«, murmelte sie.
Die Frau unterbrach ihre Arbeit und nahm den Ausweis an sich. Klack-klack-klack-klack klack-klack klack-klack-klack machten ihre Finger auf der Tastatur. Das breite Lächeln hatte sich keinen Millimeter bewegt.
Sinthias Blick flitzte durch die große Halle. Leere Stühle mit hellem Stoffbezug, leuchtend grüne Pflanzen, die ohne Frage aus Plastik waren. Der weiß geflieste Boden reflektierte den blauen Himmel, der unnatürliches Tageslicht in das Foyer brachte.
»Einmal hier unterschreiben« Mit einem rot lackierten Fingernagel wies die Frau auf ein Blatt Papier. Sinthia unterzeichnete, ohne sich durchzulesen, was dort stand. Sie kannte es ohnehin auswendig.
Die Frau nickte ihr zu und wies mit einer Hand nach links. »Box 2 ist frei, meine Teuerste.« Ihr breites Lächeln bohrte sich in Sinthias Rücken und brannte sich in ihren Kopf, wie die leuchtenden Neonbuchstaben vor dem Fenster ihrer Wohnung.
Mit zusammengepressten Lippen verschwand sie in Box 2. Der Raum war weiß gestrichen und winzig klein. In der Mitte stand ein Stuhl, an dem ein Gerät aus glänzendem Metall befestigt war, das wie ein Skorpionschwanz über den Stuhl gebogen war und die Kopflehne ersetzte.
Sinthia legte ihren Mantel ab und ließ ihre Tasche zu Boden gleiten. Es roch nach beißendem Desinfektionsmittel. Mit schwitzenden Händen ließ sie sich auf dem Stuhl nieder. Es würde nicht weh tun. Das wusste sie. Zumindest nicht körperlich.
»Willkommen«, begrüßte sie eine synthetische Stimme, »Lehnen Sie sich zurück und entspannen Sie sich. Wir werden gleich beginnen.«
Sinthia lehnte sich zurück und spürte, wie sich die Nadel des Skorpionschwanzes in ihren Nacken drückte, allerdings ohne die Haut zu durchstechen. Mit klammen Fingern umklammerte sie ihre Knie.
»Die heutige Rate des Glücks beläuft sich auf 15 Credits pro Zentiliter. Sind Sie mit dieser Rate einverstanden, so bestätigen Sie bitte mit ‚Ja‘.«
»Ja«, sagte Sinthia und ihre Stimme schwankte.
»Sie haben bestätigt. Der Extrationsprozess beginnt«, eine kleine Pause, »jetzt.«
Sie schloss fest die Augen. Jedes mal erwartete sie, dass es weh tun würde, aber das tat es nicht. Da war ein leichter Druck an ihrer Schädelbasis, nicht mehr. Trotzdem hielt sie den Atem an. Bald würde sie es spüren. Die Auswirkungen der Spende kamen schnell, egal wie gut man sich am Anfang fühlen mochte. Ihre Hände verkrampften sich.
Es begann mit einem kalten Gefühl in der Brust. Die Kälte kroch ihre Arme und Beine entlang, umschlang ihren Kopf und erfüllte sie bis in die Fingerspitzen. Sinthia atmete stoßweise ein und aus. Sie wusste, dass sie gerade keine Schmerzen fühlte. Sie wusste, dass alles nur in ihrem Kopf war, aber das machte die Erfahrung nicht weniger qualvoll.
Ihre Freude, ihre Liebe, ihr Lächeln. All das verschwand durch die kleine spitze Nadel, die tief in ihrem Nacken steckte. Die Maschine saugte sie leer und nahm ihr Glück. Und dann ließ der Druck nach. Aber Sinthia spürte keine Erleichterung.
Die synthetische Stimme erklang erneut.
»Die Glücksritter AG bedankt sich für Ihre Spende. Sie haben«, ein Knistern, »Null-Komma-Eins-Drei Zentiliter Glück gespendet. Sie können sich Ihre Credits und Ihr Ticket für die Lotterie, zusammen mit ihrem Spendeausweis, an der Rezeption abholen.«

 


Hört es sich spannend an? Was meint ihr, was als nächstes passiert?
Und eine organisatorische Frage: Kann man den Text gut lesen, oder soll ich den mit ein paar Bildern oder größeren Absätzen auflockern? Wie habt ihr das gerne für euer Lesegefühl?

 Kapitel #2 »

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8 Gedanken zu „Des Glückes Schmied, Kapitel 1

  1. Absätze finde ich grundsätzlich gut, aber nur, wenn sie auch eine zeitliche Zäsur markieren 😉
    Also also, die Idee ist voll mega super! :)) In den nächsten Teilen wirst du die Gesellschaft ja vermutlich noch weiter ausführen oder?
    Als nächstes wird sie mit den Nachwirkungen zu kämpfen haben, denke ich!

    1. Genau. Als nächstes wird sie mit den Auswirkungen zu kämpfen haben und zur Arbeit gehen in „einem der oberen Level“ (was auch immer das bedeuten mag 😉 )
      Freut mich, dass es dir bisher gefällt <3

      Ich muss mir noch etwas für die Übersichtlichkeit einfallen lassen, denn ich finde, dass das ein bisschen nach Textwand aussieht. Aber du hast auch Recht, ein "richtiger" Absatz zeigt einen Zeitsprung (oder Perspektivwechsel) und wäre nicht unbedingt angebracht.

      1. Mir fällt spontan nur ein, dass es vielleicht helfen könnte, wenn der Text schmaler und dafür mehr „normale“ Absätze hätte… aber vielleicht siehts dann auch komisch aus, weil noch so viel Bildschirm übrig ist 😀
        Oder du fügst Absätze ein, die keine ganze Zeile Abstand haben.. oder – wenn möglich – den Zeilenabstand vergrößern, das lockert einen Text auch ungemein auf 🙂

        1. Den Text schmaler machen geht leider nicht (weil das Theme das nicht zulässt) :/ das hatte ich nämlich schon probiert.

          Aber so Absätze mit 1 1/2 fachen Zeilenabstand kann ich mal ausprobieren <3

  2. Hallo liebe Sina,
    Mir gefällt das erste Kapitel sehr gut und es macht auf jeden Fall Lust weiterzulesen. Dass ich die Idee super finde, hatte ich dir ja schon gesagt. 🙂
    Ich bin ziemlich neugierig, als was Sinthia eigentlich arbeitet. Höheres Level klingt ja eigentlich gar nicht so schlecht, aber möglicherweise hat sie ihren Vater auch angelogen.

    Ich hab den Text auf dem Handy gelesen und finde ihn gut leserlich. Absätze werde vielleicht tatsächlich nicht schlecht, wenn sie eben sinnvoll sind. Bilder brauche ich persönlich keine, da ich das eher als störend empfinde, aus dem Text gerissen zu werden. ^^

    Liebe Grüße,
    Levi

    1. Hey Levi!
      Freut mich, dass dir die Geschichte bisher gefällt 🙂

      Das ist gut, dass man den auf dem Handy lesen kann und das stimmt, dass da Bilder eher störend wären (weil ja der Bildschirm so klein ist und die Bilder den Text unterbrechen würden). Mit den Absätzen muss ich schauen, wie ich das sortiere (weil ich so große Absätze eher für Perspektivwechsel bzw Zeitsprünge gebrauche).
      Danke auf jeden Fall für dein Feedback!! 🙂
      LG Sina 🙂

  3. Liebe Sina, ich bin begeistert von der Geschichte, Du schreibst fesselnd und ich bin sehr gespannt, wie es der tapferen Tochter weiter ergeht.

    Herzlichst
    Karl-Heinz
    PS: Zum Layout habe ich keine Meinung, hab die Worte ‚verschlungen‘ ohne abzusetzen. 🙂

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