Rezension – Dunkel

Dunkel ist ein Thriller von Wolfgang Hohlbein, der 2001 im Bastei Lübbe Verlag erschienen ist. Ähnlich wie die Bücher von Stephen King, konnte ich mich nur vage daran erinnern, jemals ein Buch von Wolfgang Hohlbein gelesen zu haben und ebenso vage wusste ich noch, dass sie mir nicht wirklich gefallen haben.
Aber da ich mir einfach nicht mehr sicher war, habe ich mir gedacht, dass ich noch ein Buch von ihm in die Hand nehme und schaue, ob meine Erinnerungen stimmen.

Inhalt
Jan ist 32 Jahre jung und erleidet im Kino einen Herzstillstand. Allerdings geht es dabei nicht mit rechten Dingen zu, denn er meint, dass ein Schatten versucht hat, ihm seine Seele aus dem Leib zu reißen. Nach diesem Vorfall gelangt er in allerlei lebensbedrohliche Situationen und wird von Vera, einem seltsamen kleinen Mädchen mit Punkfrisur und „Zombieaugen“ gerettet. Und auch wenn Jan vorher nicht an den unheimlichen Schatten geglaubt hat, so scheint er ihm auf einmal immer realer.

Handlung
Irgendwie passiert … nichts. Jan stirbt fast, dann hat er ein mulmiges Gefühl, dann stirbt jemand anders, dann ist Jan nervös, dann stirbt er wieder fast, dann sieht er einen Schatten, dann stirbt jemand anders … und irgendwie wollte keine Spannung aufkommen. Das mag vielleicht auch daran liegen, das ich Jan und alle, die ihm etwas bedeuten, nicht wirklich leiden konnte. :/
Noch eine Sache: Es passieren viele Dinge, die nicht erklärt werden, was an sich erstmal gut ist. Allerdings bleiben sie so lange ungelöst, dass ich das Interesse an der Auflösung verloren habe. Da braucht man wohl einen geduldigeren Menschen, um das zu mögen.

Charaktere
Jan ist irgendwie platt. Er hat mal einen Wutausbruch und er hat mal Angst, aber er wollte sich nicht zu einer wirklichen Figur zusammensetzen. Seine Verlobte (oder Lebensabschnittsgefährtin) Katrin kümmert sich sehr sorgenvoll um ihn, was aus irgendeinem Grund, als etwas Schlechtes dargestellt wird?
Sie streiten sich andauernd und Jan sagt, dass sie sich seltsam verhält, aber wir bekommen ihre „Normalität“ nie mit, also können wir das unmöglich bestätigen.

Sprache
Wolfgang Hohlbein scheint ein Freund der seltsamen Vergleiche zu sein. Ich lasse einfach ein paar Zitate hier unkommentiert stehen.

Dr. Petri sah aus, wie ein an Bulimie leidender Chinese. – S.83

[Ihre Frisur] ähnelte etwas, das von einer Perserkatze übrig bleiben mochte, nachdem man sie in eine Mikrowelle gestopft und eine dreiviertel Stunde gegrillt hatte. – S.92

Sonstiges
Nach meiner bescheidenen und unmedizinischen Meinung müsste Jan mindestens Pulver, aber wahrscheinlich eher tot sein. Nehmen wir als einzelnes Beispiel die Begegnung mit einer Straßenbahn.

Die Berührung war beinahe flüchtig. Trotzdem reichte die Wucht, mit der die Straßenbahn seine Schulter streifte, aus, ihn gute zwei Meter davonzuschleudern und ihn um ein Haar zu Boden zu werfen. – S.86

Dann knallt Jan gegen ein Schaufenster.

Betrachten wir das ganze Mal als eine physikalische Aufgabe:
34.000 kg Leergewicht für eine Straßenbahn, Geschwindigkeit bei 10km/h (weil schon gebremst und so) treffen auf einen still stehenden 80kg Mann.
Erst einmal: Aufgrund des Massenverhältnisses von Bahn und Mann ist es unwahrscheinlich, dass er nach dem Zusammenprall gegen ein Schaufenster fliegt, denn der menschliche Körper ist generell unelastisch. (Vergleichbar mit einem Fall aus 5 m Höhe, da springt man auch nicht wie ein Flummi durch die Gegend, geschweige denn 2 m.) Aber egal.
Jan wird also aus seiner stehenden Position auf 10km/h (= ~ 3m/s) beschleunigt. Jans Haut gibt bei Kontakt mit der Bahn 1mm nach (denn dann kommt Knochen, Muskel etc.). Die Beschleunigung auf 3 m/s findet also statt in der Zeit, die die Bahn braucht um sich einen Millimeter zu bewegen (und dabei nehmen wir an, dass die Bahn nicht nachgibt). Das sind 0,3 Millisekunden.
Das entspricht einer Kraft von 900 m/s². Das ist die 100-fache Erdbeschleunigung! Jan ist Geschichte!
(Und 10 km/h sind echt nett gewählt, Straßenbahnen müssen sich nicht an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, die Bahn war also tendenziell eher schneller unterwegs und war wahrscheinlich schwerer, weil Fahrgäste und so.)

Fazit
Ich kann mich gut an Kleinigkeiten (s. Straßenbahn) aufhängen. Generell finde ich solche Fehler nicht so schlimm, aber ich möchte gerne darauf hinweisen, in was für absurden Situationen sich manche Protagonisten aufhalten.
Alles in allem war das Buch etwas anstrengend, weil zumindest für mich nichts wirklich Interessantes passiert ist.
Noch eine kleine Anmerkung: Die Kapitel sind seeeeeeeeeeeeehr lang. Das erste geht bis Seite 71, man braucht also einen langen Atem.

Wem würde ich dieses Buch empfehlen?
Das Buch hat einen paranormalen Einschlag, man muss so etwas also mögen. Ansonsten hat man viele Geheimnisse, die es zu lösen/lesen gilt. Aber die Geschichte und die Auflösung waren für mich beide ein Schlag ins Wasser. Dieses Buch ist allerdings einer der seltenen Fälle, bei dem ich sagen kann, dass ich es dennoch empfehlen kann (obwohl es mir nicht gefallen hat).
Diese Empfehlung gilt aber nur, wenn du Paranormales und Geheimnisse magst und es dir dazu nichts ausmacht, lange im Dunkeln zu tappen.

 


Quellen:
Gewicht einer Straßenbahn: http://www.gvbgera.de/unternehmen/fahrzeuge/strassenbahnen/
Geschwindigkeit einer Straßenbahn: http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/strassenbahnen-erfurt-hmp-mittwoch-100.html

 

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2 Gedanken zu „Rezension – Dunkel

  1. Ich finde deine naturwissenschaftliche Auseinandernahme ja äußerst herrlich! Ich habe mich auch folgendes gefragt: Warum überfährt die Bahn ihn nicht? Denn ich habe mal gelernt, dass vorbeifahrende Züge eine Sogwirkung haben, die einen mitzieht… Deshalb auch „betreten Sie den gekennzeichneten Bereich erst nach Halt des Zuges“! Auch wenns jetzt hier nur ne Straßenbahn ist, halte ich eine Flugkurve für sehr unrealistisch 😀

    1. Eben! Das war auch das, was mich ursprünglich gestört hat. Man wird eben nicht wegestoßen, sondern mitgeschleppt…
      Und aus diesem Punkt ist dann diese wunderschöne „Physikaufgabe“ gewachsen 😀

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