Rezension – Das Haus der Treppen

„Das Haus der Treppen“ von William Sleator ist ein Sciencefiction-Jugend-Roman, dessen deutsche Erstausgabe 1976 im Walter-Verlag erschienen ist.
Ich habe diesen Roman wieder zur Hand genommen, weil ich in Erinnerung hatte, dass es ein wahnsinnig gutes Buch war. Aber als ich es das letzte Mal gelesen hatte, war ich etwa zwölf oder dreizehn und ich wollte wissen, wie sehr sich mein Buchgeschmack (und mein Anspruch) über die circa zehn Jahre hinweg verändert hat.

Hinweis: Das Buch hat nur 187 Seiten, ich hatte es also in weniger als zwei Stunden gelesen.

Inhalt
Die fünf Waisenkinder Peter, Lola, Blossom, Abigail und Oliver finden sich in einem Raum voller Treppen wieder, der weder Anfang noch Ende hat. Auf einer Plattform befindet sich eine Maschine, die nach scheinbar willkürlichem Abständen Essen ausgibt.
Da das Essen knapp ist, herrscht eine ständige Anspannung zwischen den Jugendlichen. Sie streiten sich häufig, bis ihnen schließlich auffällt, dass die Maschine dieses gewaltbereite Verhalten mit Essen belohnt.
Peter und Lola widersetzen sich nach dieser Entdeckung den Wünschen der Maschine und weigern sich das Essen anzunehmen. Auch wenn das bedeuten könnte, dass sie verhungern.
Blossom, Abigail und Oliver hingegen eskalieren immer mehr, um den Ertrag der Maschine zu erhöhen und schrecken auch nicht davor zurück, sich gegenseitig ernsthaft zu verletzen.

Handlung
Die Handlung war das, was mir im Gedächtnis geblieben war und der Grund, weshalb ich dieses Buch noch einmal lesen wollte. Der Schauplatz ist sehr einfach, aber kreativ, und erstaunlich bedrohlich. Aber die Handlung ist etwas vorhersehbar, wenn dieses Buch nicht der erste dystopische SciFi-Roman ist, den man liest.
Leider gibt es auch an einigen Stellen Logik-Lücken. Zum Beispiel verbietet Lola Peter zu Tagträumen, während sie das Essen verweigern.

Du musst wach bleiben. Du musst wach bleiben oder alles bricht zusammen. Peter? Hörst du mich? Diese Traumzustände müssen aufhören!

Allerdings wird nie erklärt, warum er nicht Tagträumen darf. Lola sagt zwar etwas ominös, dass sich die Maschine das Tagträumen zu Nutzen machen würde, aber sie kann nicht sagen wie und warum. Es wird auch nie erklärt oder bei der Auflösung des Rätsels zur Sprache gebracht.

Sprache
Leider muss ich sagen, dass ich von der Übersetzung etwas enttäuscht bin. Die Formulierungen sind holzig und es gibt einige Stellen, wo die Übersetzung aus dem Englischen sehr unbeholfen wirkt. Da wäre zum Beispiel die Stelle, an der Lola zu Peter sagt:

Du bist wesentlich.

Im Englischen sagt sie wahrscheinlich: „You are essential.“
Essential“ kann zwar mit „wesentlich“ übersetzt werden, aber wahrscheinlich war unentbehrlich gemeint. Ich würde diese Übersetzung noch nicht einmal fehlerhaft nennen, aber so ein kleiner Schluckauf hat gereicht, um mich aus der Geschichte zu reißen, einfach weil es sich seltsam angehört hat.

Charaktere
Nun kommen wir zu dem Teil, der mich am meisten enttäuscht hat. Alle Charaktere (und es kommen insgesamt nur sechs vor) sind schrecklich eindimensional. Es gibt den schüchternen Peter, die energische Lola, die eingebildete Blossom, die diplomatische Abigail und den selbstbewussten Oliver.
Der Autor gibt sich zwar Mühe ihnen etwas Tiefe zu verleihen und lässt jeden von ihnen eine Geschichte aus ihrer Vergangenheit erzählen, aber selbst diese Geschichten unterstreichen nur die bereits etablierten Charakterzüge.
Und obwohl sie jeweils nur einen Charakterzug haben, verhalten sie sich dennoch nicht schlüssig. Das geht dann so weit, dass es sogar den anderen Charakteren auffällt:

Aber, Oliver, das verstehe ich nicht. Du widersprichst dir ständig selbst. […]

Worauf dann Oliver nur salopp mit

Na, und? […]

antwortet.

Fazit
Das Haus der Treppen“ ist ein Jugend-Roman und damit auch als solcher geschrieben. Als ich ihn das erste mal (mit zwölf/dreizehn) gelesen habe, fand ich die Geschichte fesselnd und unvorhersehbar.
Jetzt mit ein wenig mehr Erfahrung sage ich: Die Idee ist klasse und die Umsetzung so gut, wie man es auf unter 200 Seiten erwarten kann. Meine Kritik zu Charakteren und Handlung steht und ich bin mir sicher, dass man die Qualität mit etwa 100 Seiten extra hätte deutlich steigern können. Aber dann wäre es für ein Jugend-Roman wahrscheinlich zu lang gewesen.

Wem könnte dieses Buch gefallen?
Vor allem Jugendliche und Neueinsteiger in die Welt des Lesens können Spaß an diesem Roman haben. Trotz seiner Kürze behandelt das Buch die Themen von Individualität, Gruppenzwang und Gewalt verständlich und ohne zu traumatisieren.
Für erfahrene Leser (vor allem Fans von SciFi- und dystopischen Büchern) ist dieser Roman eher nichts. Aber wenn es das einzige ungelesene Buch in deinem Regal ist, kann man das kurz in zwei Stunden nachholen ohne das Gefühl zu haben, seine Zeit zu sehr zu verschwenden.


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4 Replies to “Rezension – Das Haus der Treppen”

  1. Hey!
    Das Buch habe ich als Jugendliche auch gelesen und geliebt. Ich glaube, dass es bei meinen Eltern auch noch im Regal steht. Ich stand total auf die dtv-Reihe mit dem roten Balken oben in der linken Ecke, wo dieses Buch, glaube ich, zu gehörte. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch heute, als Erwachsene nicht mehr so spannend ist, wie damals. Wir haben einfach ganz anders, mit ganz anderen Augen und Erwartungen gelesen. Damals auf jeden Fall ein grandioses Buch.
    LG
    Yvonne
    #litnetzwerk

    1. Hallo Yvonne,
      Ja, als Jugendliche war ich richtig begeistert von dem Buch. Fand es ein wenig schade, dass es nicht mehr so gut ist, wie ich ich mich daran erinnert habe. Aber es ist ja auch ein Jugendbuch 🙂

  2. Liebe Sina,
    dieses Buch klingt wirklich sehr interessant! Vor allem die wichtigen Themen, die es behandelt und die Sci-Fi Elemente machen mich neugierig! Ich habe bis gerade eben noch nichts davon gehört, schaue es mir jetzt aber auf jeden Fall mal genauer an. Ich finde es außerdem sehr spannend, wie sich dein Lesegeschmack, deine Ansprüche und deine Sicht auf das Buch verändert haben. Eine ähnliche Situation hatte ich auch mal mit einem Buch aus meiner Kindheit, das mich beim nochmaligen Lesen leider enttäuscht hat. 🙂
    Liebe Grüße,
    Denise
    #litnetzwerk

    1. Damals hat mich das Buch total geflasht!!! Und ich würde das einem unerfahrenen Leser (so als Einstieg) auch echt empfehlen, weil relativ kurz und ziemlich spannend. Aber leider bin ich mittlerweile eine andere Qualität gewöhnt.
      Welches Buch war es denn bei dir, das dich dann ettäuscht hat?
      LG Sina

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