Wie mich Studieren meine emotionale und körperliche Gesundheit gekostet hat

Ich möchte diesem Text voranstellen, dass alles meine persönlichen Erfahrungen sind. Du magst eine ganz andere Erinnerung ans Studieren haben oder es in diesem Moment ganz anders erleben, aber ich werde alles wahrheitsgetreu aufschreiben, wie ich es in Erinnerung habe.

Ich war schon immer eine wissbegierige und kreative Schülerin. Meine Interessen breit gefächert. Nach dem Abitur musste ich bestimmen, was ich Studieren wollte. Die Entscheidung war schwierig. Vor allem hatte ich das Luxusproblem, dass mein NC mich kein einziges Fach ausschließen ließ.
Ich entschied mich, nach einigem hin und her, für Mathe. Schließlich hatte mir Rechnen schon immer Spaß gemacht.

Nach vier Semestern war ich emotional am Ende.

Mir war klar gewesen, dass es nicht einfach sein würde.
Mir war klar gewesen, dass ich viel Zeit opfern würde. Ich hatte (nicht nur während der Klausurzeit) regelmäßig 60 – 80 Stunden pro Woche gelernt bzw. hatte meine Zeit in der Uni verbracht. Bei Vorlesungen, Seminaren und Übungen. Trotzdem war ich beinahe in jedem Fach durchgefallen.
Woran hatte es gelegen?
Ich hatte genug gelernt, eher zu viel. Ich war (und bin immer noch) schlau. (Mein IQ-Test von Mensa belegt mir einen IQ von 125, besser als 95% der Menschen in meiner Altersklasse. Das ist keine Angeberei, sondern ein Teil des Rätsels.)

Ich wusste nicht, woran es lag. Aber ich hatte Alpträume. Jede Nacht.
Alpträume, in denen ich eingesperrt war, in denen ich gejagt wurde. Ich konnte nicht mehr schlafen.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich zu den Ernährungswissenschaften gewechselt. Die Hoffnung war, dass bei einem entspannteren Fach die Albträume aufhören würden.
Anfangs funktionierte es. Das erste Semester machte echt Spaß. Ich schaffte vier von fünf Klausuren. Dann kam die Situation, die mich zurückwarf. Der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Explodieren brachte. Eigentlich war es eine ganz normale Interaktion.

Eine Professorin gab uns die Anweisung zu jeder Vorlesung (montags, mittwochs und freitags) das ausgedruckte Skript mitzubringen, das sie den Tag davor hochladen würde. Da ich aber keinen Drucker besaß (und noch immer keinen besitze), würde ich in der Montags-Vorlesung ohne Skript erscheinen. Mitschreiben war unmöglich, da ich als Andenken an das Mathestudium seit zwei Jahren eine Sehnenscheidenentzündung in meiner rechten Hand hatte.
Ich ging nach der Vorlesung zu besagter Professorin und fragte, ob es möglich wäre, das Skript für Montag schon samstags hochzuladen.
Vor ihrer Antwort sei zu erwähnen, dass sie die Vorlesung jahrelang hielt. Jedes Jahr dieselbe.
Ihre Antwort war „Nein“.
Nicht „Nein, tut mir leid.“, nur „Nein.“ Sie drehte sich um und ließ mich stehen.

In dem Moment ging mir ein Licht auf. In den vier Jahren, die ich studierte, hatte sich niemand für mich oder meinen Erfolg interessiert. Meine Familie lebt in einer anderen Stadt, war also keine Hilfe, obwohl sie mich nach Kräften unterstützte.
Bitte versteht mich nicht falsch:
Ich wollte nicht, dass mir jemand die Hand, während des Studiums hielt.
Ich wollte nicht, dass mich jemand umsorgte.
Ich wollte nicht, dass ich wie eine besondere Schneeflocke behandelt werde.

Ich wollte nur etwas anderes als absolute Gleichgültigkeit.

Ich wurde krank.
In einem halben Jahr bekam ich zwei Nierenbeckenentzündungen, die Wochen zum Kurieren brauchten. Jetzt war ich auch körperlich am Ende.
Die Albträume waren zurück.
Sobald ich einen Tag in der Uni war, konnte ich tagelang nicht schlafen.

Und trotzdem wusste ich immer noch nicht Warum? Warum musste ich VERSAGEN?! Warum ICH?! Warum konnte ich nicht einmal ein läppisches Studium abschließen? Warum fand ich morgens nicht mehr die Kraft aufzustehen?

„Uni war die schönste Zeit meines Lebens.“
„Du solltest deine Zeit in der Uni genießen. Danach geht es bergab.“

Ich war müde. Ich war frustriert. Ich war wütend.
Ich hasste die Uni.
Ich HASSTE sie.
Nur von dem Gedanken an einen weiteren Tag in einem Hörsaal wurde mir schlecht.

Also hörte ich auf.
Und ich begann das zu tun, was ich schon immer tun wollte.
Ich wurde gesund. Und die Alpträume verschwanden.

Was ist die Moral?
Gibt es nicht. Das hier ist kein Märchen und es gibt kein Happy End.
Ich wünschte, ich hätte früher mehr auf mich gehört.
Ich wünschte, ich hätte zugegeben, dass Studieren nicht mein Ding ist.
Ich wünschte, ich hätte mir selbst die schlaflosen Nächte erspart.

Ich wünschte, ich hätte schon früher geschrieben.

8 Replies to “Wie mich Studieren meine emotionale und körperliche Gesundheit gekostet hat”

  1. Liebe Sina,
    das klingt wirklich nach einer harten Zeit. Manchmal ist es schwer, sich einzugestehen, dass das eigene Leben nicht nach Schema X verläuft und oft bekommt man jede Menge Gegenwind. Es zeigt Stärke, dass du davon Abstand genommen hast, was dir nicht gut tut! Was machst du denn jetzt? Und geht es deiner Sehnenscheide wieder besser?
    Eine Frage noch: Seit wann schreibst du denn? Finde das immer interessant, da ich das Schreiben auch sehr mag 🙂
    LG Katharina

    1. Sina Bennhardt sagt: Antworten

      Hallo Katharina.
      Danke für deine lieben Worte. Habe diesen Beitrag erst aus Versehen gepostet und wollte den zuerst wieder runter nehmen, aber dann habe ich mir gedacht: Wenn nicht jetzt, dann werde ich ihn nie posten.
      Im Moment bin ich noch als Student der Ernährungswissenschaften eingeschrieben, aber schreibe hauptsächlich an meinem Debüt-Roman. Da wird die erste Version des Manuskripts hoffentlich Ende dieses Monats fertig. 🙂 Ich drück mir mal selbst die Daumen 😀

      Meine Sehnenscheidenentzündung ist quasi weg. Wenn ich aber zu lange am Computer sitze (oder zu viel manuell schreibe), dann kommen die Schmerzen zurück, also muss ich da immer noch aufpassen.

      Ich schreibe schon Geschichten, seit ich schreiben kann quasi. Ernsthaft damit angefangen habe ich dieses Jahr. Hoffentlich funktionierts 🙂
      LG Sina

      1. Solche „Wenn nicht jetzt dann nie“-Momente kenne ich 😀
        Finde ich wirklich richtig gut! Hast du einen Artikel über dein Debüt-Projekt? Dann muss ich mir den nochmal anschauen. Mein Studium spannt mich zur Zeit ziemlich ein, aber danach widme ich mich auch wieder mehr meinem Buchprojekt 🙂
        Ich drücke dir die Daumen auch auf jeden Fall 😉 und es ist ja auch noch kein Meister vom Himmel gefallen, also wird es auch bestimmt funktionieren!
        LG Katharina

        1. Sina Bennhardt sagt: Antworten

          Über meinen Roman werde ich hier schreiben, wenn das erste Manuskript fertig ist. Ansonsten habe ich das Gefühl, dass das nioch so weit in der Zukunft liegt und ich meine (wenigen) Leser nur mit leeren Versprechungen hinhalte 😀
          Was schreibst du denn? Was für ein Genre?
          LG Sina

  2. Ich glaube dass sowas passiert, wenn man nicht seiner Berufung folgt, oder vielleicht nicht an sich glaubt.

    In der Schule habe ich nie gelernt. Ich habe das Lernen und die Schule gehasst. Meine Noten waren gut, aber ich gehörte nicht zu den Besten. Die Lehrer gaben mir ständig 6en, weil ich meine Hausaufgaben nicht machte und ich war Stammkundin beim Nachsitzen deswegen 😀 Eigentlich wollte ich nur das Abitur schaffen, damit ich mehr Möglichkeiten habe abzuhauen aus Deutschland. Ich habe dann einen psychologischen Studieneignungstest gemacht, eigentlich nur um herauszufinden, ob Studieren überhaupt das Richtige für mich ist. Ich hatte ein schlechtes Selbstbild von mir, hatte Angst, dass ich es nicht schaffen würde. Heraus kam überraschenderweise, dass ich eine besonders hohe Begabung in Mathematik hatte. Man empfahl mir unbedingt ein Mathe oder Informatik-Studium. Ich habe mich für Nummer 2 entschieden und war im 1. Semester mega glücklich damit. Endlich hatte ich das Gefühl ernst genommen zu werden und ein Ziel zu haben. Aber als dann die Prüfungen kamen… ich war das Scheitern nicht gewohnt. In der Schule musste ich nie lernen. Ich bin nie durchgefallen. Ich hatte ein schlechtes Selbstbild.. Alle Menschen lachten mich aus, als ich sagte, dass ich Informatik studieren werde. Das schaffst du doch sowieso nicht, brannte sich in meinem Kopf ein.
    Ich habe nur die Hälfte der Prüfungen beim 1. Versuch bestanden. und dann nach einem weiteren Semester, welches ähnlich lief, abgebrochen.

    Heute bereue ich diese Entscheidung ein bisschen. Mittlerweile habe ich viele Dinge im Leben gelernt. Habe mich von meinem kompletten alten Umfeld getrennt und mich für ein selbstbestimmtes Leben entschieden. Ich habe gelernt, dass man auch Scheitern darf und das die wenigsten Mathe/Info Studenten alle Prüfungen beim 1. Versuch schaffen. Ich habe gelernt, dass Lebens und Berufserfahrung meist wichtiger ist, als in Mindeststudienzeit fertig zu werden. Ich habe gelernt, dass man nicht perfekt sein muss. 🙂

    Ich wünsche dir, dass du deinen Weg gehst und auf dein Herz hörst 🙂

    Liebe Grüße, Anja

    1. Sina Bennhardt sagt: Antworten

      Wow! Danke für deinen ehrlichen Kommentar!

      Ich bin mir nicht sicher, ob ich es irgendwann bereuen werde, dass ich mein Studium unterbrochen habe, um zu schreiben. Das ist gut möglich. Aber ich denke, ich würde es mehr bereuen, wenn ich es nicht versuchen würde zu schreiben.
      Das kann mir nur die Zukunft eröffnen 🙂

      Ich tue das Beste meinen Traum zu verfolgen.
      LG Sina

      1. Ja richtig bereuen tue ich es auch nicht. Man wächst doch nur an Erfahrungen und ich bin der Meinung, dass jede Entscheidung im Leben seinen Sinn hat und uns weiterbringt. Immerhin habe ich so auch ganz andere und neue Wege beschritten und viel gelernt, was ich sonst niemals gelernt hätte. Der Studienabbruch hat mir viel Lebenserfahrung gebracht. Und ich könnte ja theoretisch jederzeit wieder studieren, aber jetzt wo ich andere Seiten im Leben gesehen habe, ist die Motivation zu gering 😀
        Wie man so schön sagt: Man kann nur gewinnen- an Erfahrungen. Ich glaube dass jede Entscheidung die Richtige ist. 😀 Und erst Recht, wenn du etwas tust, wofür du brennst.

        Liebe Grüße, Anja

        1. Sina Bennhardt sagt: Antworten

          Ich könnte dir nicht mehr zustimmen! <3

Schreibe einen Kommentar