Nummer 12, Kapitel 5: Chaos

Wenn sich meine Mutter beschwert hat, dass mein Zimmer unaufgeräumt ist, habe ich immer gesagt: „Das Genie beherrscht das Chaos.“ Angeblich hat das Einstein mal gesagt. Fand sie nicht so lustig wie ich.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Kapitel 5: Chaos

Es war dunkel. Trotzdem lag Nummer 12 mit offenen Augen da. Jemand war in dem Zimmer. Sie hörte das Rascheln von Kleidung.

Du träumst, Nummer 12.

Nummer 12 richtete sich auf. Sie war sich sicher, dass sie nicht träumte.
Die Gestalt huschte durch das Zimmer. Sie trug weiße Kleidung in den Armen und legte sie ordentlich vor die Betten. Die getragenen Sachen warf sie in einen Korb.
Nummer 12 sah die Gestalt an.
„Wer bist du?“, fragte Nummer 12.
Die Gestalt fuhr erschrocken zusammen. Dann packte sie den Korb und eilte aus dem Zimmer. Dabei fiel eine Socke aus dem Korb und landete auf dem Boden. Nummer 12 sah der Gestalt teilnahmslos hinterher.

Schlaf weiter, Nummer 12.

Nummer 12 lehnte sich zurück.
Es dauerte lange, bis sie wieder einschlief.


Nummer 12 schlug die Augen auf. Das Licht ging an.

Aufstehen.

Nummer 12 gehorchte. Sie schlug die Decke zurück und zog sich an. Weiße Kleidung, weiße Schuhe. Vor dem Spiegel machte sie sich einen Pferdeschwanz. Alles hatte seine Ordnung.
Nummer 12 zog das Laken ihres Bettes glatt und schlug das Kopfkissen aus. Wie jeden Morgen. Wie Immer.
In einer Reihe verließen sie den Raum. Vor ihr war Nummer 11 und hinter ihr war Nummer 13. Auf dem Boden sah Nummer 12 eine weiße Socke liegen.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Nummer 12 eilte den anderen hinterher. Den Kopf gesenkt. Wie immer. Sie durfte keine Fragen stellen.
Sie erreichten den Speisesaal und stellten sich an der Schlange zur Essensausgabe hinten an. Niemand drängelte, niemand redete. Alles hatte seine Ordnung.
Sie musste gehorchen.
Nummer 12 nahm sich eine Schüssel und hielt sie unter eine der vielen Düsen. Ein grauer Brei spritzte heraus. Sie folgte Nummer 11 und setzte sich links neben sie an eine der Bänke. Der Löffel lag schon bereit.

Löffel heben.

Nummer 12 hob den Löffel.
Sie musste gehorchen.

Essen.

„Nein“, sagte Nummer 12 laut. Nummer 11 und Nummer 13 sahen sie an.

Essen, Nummer 12.

„Nein. Ich will nicht.“ Nummer 12 warf den Löffel auf den Boden.

Aufheben, Nummer 12.

Nummer 12 schüttelte den Kopf. „Was bedeutet ’schmeckt‘?“, fragte sie. Immer mehr der Nummern schauten zu ihr.

Essen, Nummer 12.

„Nein. Ich will etwas anderes.“

Es gibt nichts anderes.

„Doch. Das was von oben fällt, wenn es grau ist. Das kann man essen.“
Die anderen Nummern hatten aufgehört zu essen. Alle starrten Nummer 12 an.

Wenn Sie uns gehorchen,
können Sie bleiben.

„Warum darf ich keine Fragen stellen?“

Hör auf, Nummer 12!
SOFORT!

„Ich muss euch nicht gehorchen“, sagte Nummer 12 laut. „Ihr könnt euch noch nicht einmal bewegen!“

Augen zu.

Nummer 12 hielt inne.
„Warum?“, fragte sie. Die anderen Nummern schlossen die Augen und deshalb konnten sie nur hören, was als nächstes geschah.
Schwarze Gestalten traten in den Speisesaal. Nummer 12 versuchte wegzulaufen. Ihre Schreie hallten durch den Speisesaal. Sie wurde zu Boden geworfen und krachte mit ihrem Kopf gegen eine Tischkante. Sie wurde sie nach draußen gezerrt.
Als die anderen Nummern wieder ihre Augen öffneten war Nummer 12 verschwunden. Eine Flüssigkeit schimmerte auf dem weißen Boden. Die Flüssigkeit hatte eine andere Farbe als der Himmel. Sie war weder schwarz, noch weiß, noch grau.
Nummer 12 kannte diese Farbe. Aber Nummer 12 war nicht da, um sie zu sehen.

Zur Arbeit

Alle gehorchten.


Hier geht es zum nächsten Kapitel: Ordnung

und falls du den Anfang verpasst hast, geht’s hier zum ersten Kapitel: Ordnung

Schreibe einen Kommentar