Nummer 12, Kapitel 3: Zerfall der Ordnung

Hier ist der wohl hoffnungsvollste Teil der Kurzgeschichte und damit auch der schönste.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Kapitel 3: Zerfall der Ordnung

Das Licht ging an. Nummer 12 blinzelte verschlafen.

Aufstehen.

Nummer 12 quälte sich aus dem Bett. Weiße Kleidung, weiße Schuhe. Vor dem Spiegel machte sie sich einen Pferdeschwanz. Ihre Kleidung war fleckenlos. Alles hatte seine Ordnung.
Nummer 12 zog das Laken ihres Bettes glatt und schlug das Kopfkissen aus. Wie jeden Morgen. Wie immer. Einen Moment schloss sie die Augen.
Dann drehte sie sich um, um sich an der Reihe hinten anzustellen, doch Nummer 11 hatte den Raum bereits verlassen. Nummer 12 rannte hinter den anderen her.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Wie immer.
Sie erreichte den Speisesaal und stellte sich an der Schlange an. Vor ihr stand die Nummer 21 und hinter ihr die Nummer 22. Niemand drängelte. Niemand redete. Alles hatte seine Ordnung.
Schüssel. Grauer Brei. Sie machte sich nicht die Mühe nach Nummer 11 zu suchen und setzte sich stattdessen neben Nummer 21. Ein Löffel lag schon bereit.

Löffel heben.

Nummer 12 hob den Löffel.

Essen.

Nummer 12 aß. Die Befehle der Bildschirme kamen ihr langsamer vor als normalerweise. Sie aß ohne auf die Bildschirme zu achten.
Dann war die Schüssel leer und gemeinsam mit dem anderen erhob sie sich. Da erschienen neue Worte auf den Bildschirmen.

Nummer 12. Setzen.

Nummer 12 setzte sich wieder hin.
Die anderen setzten ihren Weg gleichgültig fort.
Nummer 12 starrte auf den Bildschirm vor sich. Die Befehle für die anderen waren nach wie vor dieselben. Löffel heben. Essen. Löffel heben. Essen. Löffel heben …
Sie gehorchte, obwohl nichts mehr in ihrer Schüssel war.

Guten Morgen, Nummer 12.

Nummer 12 sah auf und bemerkte, dass der Speisesaal leer war. Die Bildschirme durften ihr nicht so oft etwas anderes befehlen als den anderen. Irgendetwas mit ihr stimmte nicht.

Es wurden Unregelmäßigkeiten
in ihrem Schlafzyklus festgestellt.

Sie nickte zaghaft. Alles war in Ordnung. Es musste alles in Ordnung sein. Alles musste immer in Ordnung sein.
Eine Haarsträhne fiel aus ihrem Zopf.

Warum sind Sie nicht eingeschlafen?

Alles musste immer in Ordnung sein.
Nummer 12 wusste es nicht. Es war nicht alles in Ordnung. „Der Fleck…“, murmelte sie, weil sie nicht wusste, was sie anderes sagen konnte.

Darum wurde sich gekümmert.
Gehen Sie zur Arbeit.

Nummer 12 erhob sich.

Wischen sie sich die Tränen ab.

Nummer 12 wusste nicht, was Tränen sind.
Die Bildschirme leiteten sie auf die Straße. Die Straße war leer. Das weiße Pflaster blendete sie. Sie kniff die Augen zusammen.
Etwas huschte über die Straße.
Erschrocken zuckte Nummer 12 zurück. Was war das?

Gehen Sie Zur Arbeit, Nummer 12.

Nummer 12 gehorchte.
Beim Gehen sah sich um. Sie war allein. Das Pflaster war weiß. Daneben ragten die weißen Schlafgebäude in die Höhe. Sonst nichts. Ihr Blick folgte den schmucklosen Fassaden in die Höhe. Dann sah sie den Himmel.
Er war nicht weiß. Er hatte eine strahlende Farbe. Sauber, aber nicht weiß.
Miau
Nummer 12 zuckte erschrocken zurück. Vor ihr saß etwas. Eine seltsame Maschine. Eine seltsame Maschine mit runden Augen und dunklen Haaren.
Nummer 12 sah sich Hilfe suchend um, doch sie konnte keinen Bildschirm sehen. Es war niemand da, der ihr sagte, was zu tun war.
Nummer 12 ging in die Hocke und streckte vorsichtig eine Hand danach aus. Die Maschine bewegte sich auf sie zu. Sie hatte vier Beine. Ein fünftes streckte sie hoch in die Luft.
Miau
Schon wieder dieses komische Geräusch.
Nummer 12 fasste die Maschine an. Die Oberfläche der Maschine war weich. So weich, dass Nummer 12 kein passendes Wort dafür einfiel. Sie hob die Maschine hoch. Die Maschine surrte. Oder brummte. Etwas dazwischen. War die Maschine kaputt? Nummer 12 schüttelte sie.
Die Maschine schrie laut auf und riss sich los.
Erschrocken sprang Nummer 12 zurück. Sie hatte drei lange Kratzer auf dem Arm. Die Maschine rannte davon. Dabei zischte sie furchterregend. Sie schien nun doppelt so groß zu sein wie vorher.
Nummer 12 starrte ihr hinterher. Die Kratzer taten weh.
Jetzt war wieder alles still und leer.
Nummer 12 ging zur Fabrik. Sie musste melden, dass eine Maschine kaputt war und jetzt herumlief.
Sie schritt durch die großen Tore der Fabrik. Einige Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. Sie stellte sich vor einen Bildschirm.
„Eine Maschine ist kaputt. Sie läuft draußen herum.“, sagte Nummer 12.
Der Bildschirm blieb einen Moment leer.

Gehen Sie zur Arbeit, Nummer 12.

„Eine Maschine ist kaputt. Sie läuft draußen herum.“, wiederholte Nummer 12 bestimmt. „Sie ist klein und hat dunkle Haare.“, fügte sie hinzu. „Und sie macht komische Geräusche. Sie hat mir wehgetan.“

Man wird sich darum kümmern, Nummer 12.
Gehen Sie zur Arbeit.

Die Bildschirme leiteten Nummer 12 zum Fließband. Sie setzte sich neben Nummer 11.
Hammer heben. Kiste treffen. Hammer heben. Kiste treffen.
Etwas lief an ihrem Arm hinab. Es war eine Flüssigkeit. Sie hatte eine eigenartige Farbe. Sie war nicht weiß. Und auch nicht so, wie der Himmel.

Stopp.

Sie folgte Nummer 11 zum Speisesaal. Der graue Brei spritzte in ihre Schüssel. Sie setzte sich neben Nummer 11.
Löffel heben. Essen. Löffel heben. Essen.
Der Brei schmeckte … langweilig. Nummer 12 ließ den Löffel in die halbvolle Schüssel sinken und sah sich um. Alle aßen. Niemand redete.
Nummer 12 machte sich Sorgen. Was war los mit ihr? Lag das alles an dem Fleck auf ihrer Kleidung? Aber sie hatte den Fleck ja gar nicht mehr.
Dann waren die Schüsseln leer und die anderen erhoben sich und gingen zur Arbeit. Nummer 12 blieb sitzen.

Gehen Sie zur Arbeit, Nummer 12.

Nummer 12 blieb sitzen. „Was war das für eine Maschine?“, fragte sie.

Da war keine Maschine.

Nummer 12 war verwirrt. „Doch! Da war eine Maschine. Sie hat mir weh getan!“ Sie zeigte auf die Kratzer auf ihrem Arm.

Da war keine Maschine.

Nummer 12 starrte auf den Bildschirm. „Aber ich habe sie gesehen.“

Da war keine Maschine.

„Sie hat mir wehgetan!“ Nummer 12 hatte ihre Stimme gehoben.

Sie zeigen Anzeichen von Stress, Nummer 12.
Machen sie eine Pause.

Nummer 12 sah von dem Bildschirm auf. Was bedeutete Pause?
In der Stille erklang ein fernes Miau.
„Da!“, rief Nummer 12, „Habt ihr das gehört?“

Sie zeigen Anzeichen von Stress, Nummer 12.
Machen sie eine Pause.

Nummer 12 lief los. Sie würde den Bildschirmen die Maschine zeigen.

Stehen bleiben, Nummer 12.
Das ist ein Befehl.

Doch Nummer 12 achtete nicht mehr auf die Bildschirme. Sie rannte nach draußen. Sie blieb stehen und schaute sich um. Die fünffüßige Maschine war nicht weit entfernt.
Nummer 12 rannte auf sie zu.
Sie musste den Bildschirmen zeigen, dass sie Recht hatte.
Doch die Maschine lief vor ihr weg. Sie war viel schneller als Nummer 12. In der Ferne erklang noch einmal ein bösartiges Zischen, dann war die Maschine verschwunden.
Nummer 12 blieb schwer atmend stehen. Etwas klopfte heftig in der ihrer Brust. Sie sah sich um. Nur leere Fassaden. Keine Fenster, keine Bildschirme. Sie war allein. Ganz allein. Niemand war da, der ihr half. Niemand, der ihr sagte, was zu tun war.
Nummer 12 schaute nach oben.
Der Himmel war grau. Aber dunkler als der Brei, den sie bekamen. Viel dunkler. Fast schwarz. Etwas Nasses tropfte auf ihre Stirn. Sie zuckte erschrocken zurück. Ein anderer Tropfen traf ihren Arm. Ihr Bein. Ihren Kopf.
Immer mehr Tropfen fielen. Sie trommelten auf Nummer 12 herab, die vergeblich versuchte sich vor ihnen zu schützen, doch es gab keinen Unterstand. Nummer 12 rannte. Sie hatte Angst. Sie wollte weg.
Es bildeten sich Pfützen auf dem Pflaster.
Nummer 12 kauerte sich auf dem Boden zusammen. Sie zitterte. Es war kalt und nass, doch Nummer 12 wusste nicht, was diese Worte bedeuteten.
Nummer 12 kannte nur wenige Wörter.
Vorsichtig schaute sie in den Himmel. Der Regen trommelte auf ihr Gesicht.
Zaghaft öffnete sie den Mund.
Einige Tropfen fielen hinein. Sie schluckte. Das war anders als der Brei.
Was war das?
Erneut öffnete Nummer 12 den Mund. Erneut fielen die Tropfen hinein. Das war anders als die Arbeit, die sie erledigen mussten. Das machte Spaß.
Nach einer Weile stand Nummer 12 auf und ging zurück zur Fabrik. Aber den Hammer auf ihrem Platz fasste sie nicht an.


Hier geht’s zum nächsten Kapitel: Die alte Ordnung ist zurück

und falls du den Anfang verpasst hast, geht’s hier zum ersten Kapitel: Ordnung

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