Nummer 12, Kapitel 2: Erhalt der Ordnung

Anders zu sein, kann einem Angst machen.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Kapitel 2: Erhalt der Ordnung

Nummer 12 schlug die Augen auf. Das Licht ging an.
Ihr Blick fiel auf den Bildschirm über ihr.

Aufstehen.

Nummer 12 gehorchte. Die anderen Nummern erhoben sich ebenfalls. Weiße Kleidung, weiße Schuhe. Vor dem Spiegel machte sie sich einen Pferdeschwanz.
Es war nicht alles in Ordnung.
Auf ihrem Ärmel war ein Fleck. Nummer 12 versuchte den Fleck wegzuwischen. Doch der Fleck blieb. Weiße Kleidung (mit Fleck), weiße Schuhe.
In einer Reihe verließen sie den Raum. Vor ihr war Nummer 13 und hinter ihr war Nummer 14. Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Wie immer.
Nicht wie immer, korrigierte Nummer 12. Ihre Kleidung hatte einen Fleck und sie hatte sich falsch eingeordnet.
Sie erreichten den Speisesaal und stellten sich an der Schlange zur Essensausgabe hinten an. Nummer 12 drängelte sich vor, um hinter Nummer 11 zu stehen. Niemand redete. Alles hatte seine Ordnung. Alles war sauber. Nur die Kleidung von Nummer 12 hatte einen Fleck.
Nummer 12 nahm sich eine Schüssel, war aber nicht schnell genug. Der graue Brei spritzte auf die Theke. Sie hielt inne, aber wurde von Nummer 13 weitergeschoben. Sie folgte Nummer 11 und setzte sich links neben sie. Der Löffel lag schon bereit.

Löffel heben.

Nummer 12 hob den Löffel.

Essen.

Nummer 12 führte den leeren Löffel zum Mund. Löffel heben. Essen. Löffel heben. Essen.
Dann waren die Schüsseln leer und gemeinsam mit den anderen erhob sie sich.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Wie immer.
Sie traten auf die Straße.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Die Straßen waren gefüllt mit weißen Menschen. Nummer 12 ordnete sich ein. Niemand drängelte, niemand redete. Alles hatte seine Ordnung. Nur die Kleidung von Nummer 12 hatte einen Fleck.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt.
Sie schritten durch die großen Tore der Fabrik. Nummer 12 folgte Nummer 11und setzte sich links neben ihr an das Fließband.

Hammer heben.

Nummer 12 hob den Hammer.

Kiste treffen.

Nummer 12 schlug auf die Kiste. Hammer heben. Kiste treffen. Hammer heben. Kiste treffen. Alle Arbeiter schlugen gleichzeitig. Keiner kam aus dem Takt.
Hammer heben. Kiste treffen. Hammer heben. Kiste treffen…
Der Magen von Nummer 12 knurrte. Nummer 12 kam aus dem Takt.

Nummer 12. Aufstehen.

Nummer 12 stand auf.
Das Klirren der Hämmer begleitete Nummer 12 nach draußen. Sie folgte den Anweisungen der Bildschirme bis zu einer weißen Tür. Alle Türen waren gleich. Alle Türen waren weiß.
Sie betrat den Raum.

Guten Morgen, Nummer 12.

Nummer 12 nickte dem Bildschirm stumm zu. Es wurde nicht geredet.

Es wurden Unregelmäßigkeiten in der Aufnahme
der vorgeschriebenen nahrhaften Substanz festgestellt.
Schmeckt Ihnen das Essen nicht?

So ein kompliziertes Wort. Nummer 12 antwortete nicht.

Schmeckt Ihnen das Essen nicht?

wiederholte der Bildschirm.
Nummer 12 starrte den Bildschirm eine Weile wortlos an. Dann flüsterte sie: „Was heißt ’schmeckt‘?“
Eine Weile blieb der Bildschirm leer.

Was ist der Grund der unregelmäßigen Einnahme
der vorgeschriebenen nahrhaften Substanz, Nummer 12?

Nummer schüttelte sie langsam den Kopf. „Ich habe einen Fleck auf meiner Kleidung …“

Man wird sich darum kümmern.
Zurück an die Arbeit.

Nummer 12 blieb im Raum stehen. „Was ist das? ‚Schmeckt‘?“, wiederholte sie leise.

Zurück an die Arbeit.

Die Bildschirme leiteten sie zu dem Speisesaal, wo die anderen bereits saßen und aßen.
Sie stellte sich in die Schlange. Vor ihr war die Nummer 356 und hinter ihr die Nummer 357. Sie war schon wieder an der falschen Stelle in der Schlange. Niemand drängelte.
Nummer 12 nahm sich eine Schüssel und hielt sie unter eine der Düsen. Der graue Brei spritzte heraus. Sie suchte Nummer 11 und setzte sich links neben sie an eine der Bänke. Ihr Platz war noch frei. Der Löffel lag noch bereit.

Löffel heben.

Nummer 12 aß.

Essen.

Nummer 12 hörte nicht auf den Takt der Bildschirme. Sie war viel schneller fertig als die anderen. Dann waren auch die Schüsseln der anderen leer und gemeinsam mit den anderen erhob sie sich. Sie folgte Nummer 11 an das Fließband.
Sie nahm den Hammer, der schon auf ihrem Platz lag.

Hammer heben.

Nummer 12 hob den Hammer.
Lautlos hob sie den Hammer. Hammer heben. Kiste treffen. Hammer heben. Kiste treffen.

Arbeit beenden.

Nummer 12 hatte nicht aufgepasst und ein einzelner klirrender Hammerschlag schallte durch die Fabrik.
Schnell stand sie auf und folgte Nummer 11.
Sie schritten durch die großen Tore der Fabrik und traten auf die breite Straße.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Die Straßen waren gefüllt mit weißen Menschen. Nummer 12 ordnete sich ein. Niemand drängelte, niemand redete. Alles hatte seine Ordnung. Nur die Kleidung von Nummer 12 hatte einen Fleck.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Das Pflaster war weiß.
Niemand redete.
Sie betraten ihren Raum, zogen sich aus und legten sich in die Betten. Weiße Socken. Weiße Unterwäsche. Weiße Schlafanzüge. Die Lichter gingen aus.

Schlafen.

Nummer 12 konnte nicht schlafen.


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und falls du den Anfang verpasst hast, geht’s hier zum ersten Kapitel: Ordnung

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