Nummer 12, Kapitel 1: Ordnung

Nummer 12 ist eine Kurzgeschichte mit 6 Kapiteln, die ich 2009 geschrieben und letztens ausgegraben und überarbeitet habe.
Ich wusste zu der Zeit nicht, warum ich diese Geschichte geschrieben habe. Die Geschichte erschien mir so pessimistisch, was so gar nicht nach meinem Wesen ist, aber trotzdem hat sie bei mir Resonanz gefunden. Sogar nach fast zehn Jahren erkenne ich einen kleinen Teil von mir in dieser Geschichte wieder.

Viel Spaß beim ersten Kapitel.

 

Kapitel 1: Ordnung

Nummer 12 schlug die Augen auf. Das Licht ging an.
Ihr Blick fiel auf den Bildschirm über ihr.

Aufstehen.

Nummer 12 stand auf. Ihre Zimmerkameradinnen erhoben sich ebenfalls. Sie zogen sich an. Weiße Kleidung. Weiße Schuhe. Alles hatte seine Ordnung.
Nummer 12 zog das Laken ihres Bettes glatt und schlug das Kopfkissen aus. Wie jeden Morgen. Wie immer.
In einer Reihe verließen sie den Raum. Vor ihr war Nummer 11 und hinter ihr war Nummer 13. Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt.
Sie erreichten den Speisesaal. Nummer 12 nahm sich eine Schüssel und hielt sie unter eine der Düsen. Ein grauer Brei spritzte heraus. Niemand drängelte, niemand redete. Alles hatte seine Ordnung.
Sie folgte Nummer 11 und setzte sich links neben sie. Der weiße Löffel lag schon bereit. Ihr Blick fiel auf einen Bildschirm.

Löffel heben.

Nummer 12 hob den Löffel.

Essen.

Nummer 12 aß. Löffel heben. Essen. Löffel heben. Essen.
Dann war ihre Schüssel leer und gemeinsam mit den anderen erhob sie sich.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Wie immer.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Die Straßen waren gefüllt mit weiß gekleideten Menschen. Niemand drängelte, niemand redete.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Das Pflaster war weiß.
Sie schritten durch die großen Tore der Fabrik. Nummer 12 folgte Nummer 11. Nummer 11 setzte sich an das Fließband. Nummer 12 setzte sich links neben sie.
Sie nahm den Hammer, der schon auf ihrem Platz lag. Ihr Blick fiel auf einen Bildschirm.

Hammer heben.

Nummer 12 hob den Hammer.

Kiste treffen.

Nummer 12 schlug auf die Kiste.
Alle Arbeiter schlugen gleichzeitig. Keiner kam aus dem Takt.
Hammer heben. Kiste treffen. Hammer heben. Kiste treffen. Hammer heben. Kiste treffen.

Stopp.

Nummer 12 hielt an.

Mittagspause.

Alles erhoben sich. Nummer 12 folgte Nummer 11.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Sie betraten den Speisesaal der Fabrik und stellten sich an der Schlange an. Niemand drängelte, niemand redete. Alles hatte seine Ordnung.
Schüssel. Grauer Brei. Bildschirm.

Löffel heben.

Nummer 12 hob den Löffel.

Essen.

Nummer 12 aß. Löffel heben. Essen. Löffel heben. Essen.
Dann war ihre Schüssel leer und gemeinsam mit den anderen erhob sie sich. Sie folgte Nummer 11.
Nummer 11 setzte sich an das Fließband. Nummer 12 setzte sich links neben sie.

Hammer heben.

Nummer 12 hob den Hammer.

Kiste treffen.

Nummer 12 schlug auf die Kiste.
Hammer heben. Kiste treffen. Hammer heben. Kiste treffen…

Stopp.

Nummer 12 hielt an.

Arbeit beenden.

Nummer 12 gehorchte. Sie folgte Nummer 11.
Sie schritten durch die großen Tore der Fabrik und traten auf die Straße.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Die Straßen waren gefüllt mit weißen Menschen. Niemand drängelte, niemand redete. Alles hatte seine Ordnung.
Rechts, links, rechts, links, rechts, links. Den Kopf gesenkt. Das Pflaster war weiß.
Nummer 11 betrat das Schlafgebäude. Nummer 12 folgte ihr.
Sie betraten ihren Raum, zogen sich aus und legten sich in die Betten. Weiße Socken. Weiße Unterwäsche. Weiße Schlafanzüge. Die Lichter gingen aus.

Schlafen.

Nummer 12 schlief.


Hier geht es zum nächsten Kapitel: Erhalt der Ordnung

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