Sind wir schon da?

Die folgende Geschichte ist möglicherweise genau so passiert, wie sie hier geschrieben steht. Möglicherweise wurde sie aber auch frei erfunden. Oder es ist irgendetwas dazwischen. Wer könnte das schon sagen?

Viel Spaß beim Lesen.

 

Sind wir schon da?

Sind wir schon da?“
Meine Mutter verdrehte genervt die Augen und der Grad der Stirnrunzelung nahm ein bedenkliches Ausmaß an. Mal sehen, wie weit ich sie dieses Jahr treiben konnte.
Sind wir schon da?“
Sie drehte sich langsam in ihrem Sitz zu mir und schaute mir tief in die Augen. Betont unbeeindruckt starrte ich zurück.
Sind wir schon da?“, fragte ich erneut und gab mir Mühe besonders deutlich zu sprechen.
Abrupt drehte sie sich nach vorne und verzichtete auf eine Antwort.
Also nicht.“, schlussfolgerte ich mit ungetrübter Laune. Da war ich aber auch die einzige im Auto. Meine Mutter starrte angestrengt auf den Seitenstreifen, doch an ihren verkrampften Händen erkannte ich, dass sie sich nur mit Mühe beherrschen konnte. Mein Vater richtete seine volle Konzentration auf auf die Fahrbahn. Sein gutes Recht als Fahrer, wie ich fand, aber trotzdem hätte er das Lenkrad etwas weniger brutal behandeln können. Meine Schwester hatte ihren MP3-Player auf volle Lautstärke gedreht.
Hörte ich da etwa Rammstein? Ich grinste.
Ich hatte mit dem Flugzeug wegfliegen wollen, nach Mallorca, nach Ibiza oder in die Türkei. Ich war nicht wählerisch, aber meine Eltern …
Jetzt mussten sie die Sache eben ausbaden. Ihre eigene Schuld.
Eine Weile sah ich aus dem Fenster. Bäume flogen vorbei, doch das Gesamtbild änderte sich nicht. Felder. Felder. Felder. Und noch mehr Felder. Zur Abwechslung gab es auch noch ein paar Felder.
Es war wie eine Metapher. Und die Felder waren Langeweile. Langeweile. Langeweile und noch mehr Langeweile. Das erwartete mich in den Sommerferien. Genau wie die Felder, obwohl das ja ein und dasselbe war.
Felder hatten wir doch auch zu Hause!
Sind wir schon da?“
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie meine Schwester leidend die Augen schloss.
Dann würden wir anhalten, oder?“, fragte meine Mutter zurück.
Ich beschloss meine Fragestellung zu ändern.
Wann sind wir denn da?“
Meine Mutter seufzte. Mittlerweile fragte sie sich bestimmt, womit sie mich verdient hatte. Und dazu sage ich nur: Karma. Ich weiß nicht wofür, aber irgendwas hat sie bestimmt verbrochen.
Also?“, fragte ich.
Es dauert nicht mehr lange.“,
Das hast du vor zwei Stunden auch schon gesagt!“, beschwerte ich mich. Das war natürlich übertrieben. Aber, zu meiner Verteidigung, hatte es sich nach zwei Stunden angefühlt.
Meine Mutter stellte das Radio an, um meine Schallwellen mit noch größeren Schallwellen zu ertränken. Um sie zu unterstützen stopfte mir meine Schwester eine Socke in den Mund.
Während ich mir die angesabberte Socke aus dem Mund zog (dabei blieb ein Faden zwischen meinen Zähnen hängen, bäh!) und meine Schwester damit bewarf, wurde die Radiosendung unterbrochen.
Stauschau, Verkehrsnachrichten. Wie auch immer. ‚Gute Fahrt.‘
Ich wusste, dass es auf unserer Strecke Stau gab, als mein Vater den Kopf auf das Lenkrad sinken ließ und daraufhin beinahe in das Auto vor uns gerauscht wäre. Wir hielten.
Sind wir da?“, fragte ich und sah aus dem Fenster. Felder.
Nein…“, knurrte mein Vater.
Aber Mama hat gesagt, wenn wir stehen, sind wir …“
Ich weiß, was Mama gesagt hat, aber wir haben Stau!“ Er deutete mit einer dramatischen Handbewegung aus dem Fenster. Eine Autoschlange bis zum Horizont.
Wann sind wir endlich da?“, quengelte ich.
Mein Vater versprach mir für die restlichen Sommerferien Hausarrest zu geben, wenn ich in der nächsten Woche noch einmal den Mund öffnete.
Dreiundzwanzig Minuten und fünfundvierzig Sekunden später kam unsere Abfahrt und weitere siebzehn Minuten und zwölf Sekunden später erreichten wir unser Ziel.
Erreichten wir endlich unser Ziel.
Ich war am Ende meiner Kräfte. Aber dann stieg mir der Geruch von frisch gebackenem Kuchen in die Nase. Es war doch keine schlechte Idee gewesen zu Oma zu fahren.
Aber mir graute schon vor dem Rückweg.

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